WJC: Vatikan soll Holocaust-Forschern Archive öffnen
New York (Reuters) - Der Jüdische Weltkongress (WJC) hat den Vatikan
aufgefordert, die Archive zur Erforschung seiner diplomatischen Rolle während
der Zeit des Holocausts zu öffnen. Der geschäftsführende WJC-Direktor
Elan Steinberg sagte am Donnerstag in New York, der Vatikan könne mit
der Offenlegung der Archive die Frage klären, ob der damalige Papst
Pius XII. etwas zur Abwendung des Völkermords an den europäischen
Juden unternommen habe. Jüdische Interessensgruppen legten am selben
Tag Dokumente aus dem US-Nationalarchiv vor, die belegen, dass die USA
1944 den Vatikan baten, Nazi-Deutschland eine Warnung wegen der
Massenvernichtungen in den Konzentrationslagern zukommen zu lassen.
In der Anweisung des damaligen US-Außenministers Cordell Hull vom
12. Oktober 1944 heißt es, die USA hätten Erkenntnisse darüber, dass
SS-Chef Heinrich Himmler persönlich die Ermordung von rund 65.000 Juden
in Auschwitz und zwei weiteren Konzentrationslagern angeordnet habe. Die
USA warnten, dass die Verantwortlichen mit entsprechenden Konsequenzen
rechnen müssen, sollten die Pläne ausgeführt werden. Der
amerikanische Geschäftsträger sei beim Außenministerium des Vatikan
mit der Bitte vorstellig geworden, diese Warnung dem deutschen Geschäftsträger
zukommen zu lassen. Steinberg sagte, durch die Offenlegung der Archive könne
der Vatikan im eigenen Interesse für Klarheit darüber sorgen, ob der
Papst dieser Bitte entsprochen und die Warnung weitergeleitet habe.
Die im September erfolgte Seligsprechung Papst Pius' XII. war von jüdischen
Gruppen heftig kritisiert worden. Seine Kritiker werfen dem früheren
Papst vor, seinen Einfluss als Oberhaupt der katholischen Kirche nicht
stark genug gegen den von den Nazis verübten Völkermord an Millionen
europäischer Juden geltend gemacht zu haben. Der Vatikan verteidigt
Pius' Rolle hingegen mit dem Hinweis, dass er sich insgeheim für die
Rettung von Juden eingesetzt habe. Er habe aber öffentlich nicht das
Wort gegen die Nationalsozialisten erhoben, um Nazi-Deutschland nicht zu
weiteren Gräueltaten zu reizen.
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