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| «Jud Süss»-Prozess als Doku-Drama: Axel Milberg spielt Veit Harlan
Hamburg (dpa) - Joseph Goebbels sprach in seinem Tagebuch von einem «einem ganz großen genialen Wurf»: Veit Harlans Film «Jud Süss» war das Filmereignis des Jahres 1940. Mit den bekanntesten Schauspielern des Reiches wie Werner Krauß, Heinrich George und Ferdinand Marian inszenierte der Starregisseur der Nazis die historisch umstrittene Geschichte des Joseph Süss Oppenheimer, der Finanzberater am württembergischen Hof Mitte des 18. Jahrhunderts war. Über 20 Millionen Deutsche sahen bis 1945 den Film, einer der schlimmsten antisemitischen Streifen der NS-Zeit. Nach dem Krieg schrieb der unerschrockene Hamburger Staatsanwalt Gerhard Kramer Geschichte: In einem beispiellosen Verfahren klagte er 1949 Harlan, dessen schwedische Frau Kristina Söderbaum die weibliche Hauptrolle in «Jud Süss» spielte, vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Es sollte ein Musterprozess werden, in dem die Filmindustrie als Handlanger Hitlers an den Pranger gestellt werden sollte. Über 50 Jahre danach hat der renommierte Filmemacher Horst Königstein den Prozess für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) neu aufgerollt. Mit Co-Autor Joachim Lang wühlte er sich durch vergilbte Aktenberge und sprach mit Beteiligten wie der Tochter Harlans aus erster Ehe, Maria Körber, und dessen Sekretärin Lu Schlage. Sie hatte den gesamten Prozess mitstenografiert. Daraus ist ein sehr spannendes und sehenswertes «Doku-Drama», eine Mischung aus Spielszenen und Interviews, mit dem Titel «Jud Süss - Ein Film als Verbrechen?» geworden. Die Rolle Harlans hat Axel Milberg übernommen, seinen Gegenspieler Kramer spielt Florian Martens. Der Kultursender Arte zeigt den fast zweistündigen Film am 21. September (22.15 Uhr), bei der ARD ist er am 4. Oktober (23 Uhr) zu sehen. Es ist ein Film geworden, der am Beispiels Harlans auch die moderne Frage nach den Zwängen der Medienindustrie problematisiert. Harlan verteidigt sich vor Gericht damit, dass er das von Goebbels verordnete Propagandawerk mit künstlerischen Mitteln habe unterlaufen wollen. «Ich bin Künstler, nicht Politiker», sagt er. «Nicht die Ehrenrettung und nicht Verurteilung ist das Ziel unserer Arbeit», erklärt Königstein, der in seinem Film die Widersprüchlichkeit Harlans deutlich machen will. Das Gericht schließlich sprach Harlan frei - mangels Beweisen. Es sei letztlich nicht nachzuweisen, ob der Streifen Harlans, der sich als einziger Künstler aus der NS-Zeit juristisch verantworten musste, den Antisemitismus in Deutschland noch verschlimmert habe. Für den jüdischen Schriftsteller Ralph Giordano («Die Bertinis»), der als junger Journalist den Prozess persönlich verfolgte, auch heute noch ein krasses Fehlurteil. «Der Regisseur des Teufels» habe sich eines «intellektuellen Verbrechens zur Vorbereitung des Holocaust» schuldig gemacht, urteilt Giordano. Hauptdarsteller Milberg, der Harlan trotz dessen Verbohrtheit eher feinsinnige Züge verleiht, sieht die Rolle des Nazi-Regisseurs auch sehr kritisch: Mit «Jud Süss» habe Harlan damals gerade den «leiseren Antisemitismus» in den sensibleren und intellektuelleren Kreisen Nazi-Deutschlands geweckt. Und trotz des Freispruchs scheint Harlan, der seine Regie-Karriere fortsetzte und 1964 auf der Insel Capri starb, in Sachen Vergangenheitsbewältigung nichts gelernt zu haben: «Er hat sich niemals dazu bekannt, für was für ein fürchterliches System er gearbeitet hat», sagte seine Tochter Hilde Körber bei der Vorstellung des Doku-Dramas in Hamburg. Arte hätte gerne zusammen mit dem Doku-Drama in einem Themenabend auch «Jud Süss» gezeigt, doch alle Bemühungen blieben vergebens, der Streifen darf in Deutschland weiterhin nicht gezeigt werden. Die ARD hat am 4. Oktober für den hochkarätigen Film keinen anderen Sendeplatz als um 23 Uhr gefunden. Für den alternativen Sendeplatz um 20.15 Uhr sei das Doku-Drama nicht geeignet, weil solche Filme von den Zuschauern «konzentriert» gesehen werden müssten, sagte dazu die verantwortliche NDR-Redakteurin Doris J. Heinze.
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